laufspuren.de » Deutsche DUV Meisterschaft 24-Stunden-Lauf Berlin
ultra ist gut

Lange, lange habe ich schon darauf gefiebert, und nun endlich stehe ich am Start zu meinem diesjährigen Laufhöhepunkt, meinem dritten 24-Stunden-Lauf.

124 Teilnehmer aller Altersklassen, der Älteste 86 Jahre alt, stehen am Start in Berlin. 12.00 Uhr, es ist schwül, sehr drückend, nicht mein Wetter.

Es geht looooooooooooos !

Mit dem erlösenden Schuß werden wir auf unser Abenteuer geschickt, die Strecke beträgt etwas mehr als 1 Kilometer inmitten eines abgewrackten aus Zeiten der ehemaligen DDR gewachsenen Riesen-Sportterrains. Die Gesamtstrecke asphaltiert, teilweise Plattenwege, keine scharfen Ecken, viel Grün um uns herum. Im Ziel und Startbereich unsere Zähler:

 

Was wäre ein solcher Lauf ohne sie: freundliche, strahlende, motivierende Gesichter, die dir bei jedem Passieren eine Portion Mut mit auf dem Weg geben.

 

Bewusst gehe ich diesen Lauf ganz langsam an.

Die Strecke wird inspiziert und für gut empfunden. Nach einer Runde öffnet sich uns die Verpflegungszone, dort stehen unzählige Zelte, Wohnmobile, Tische, Bänke, überdachte Sitzmöglichkeiten für Betreuer, Helfer, Freunde, die ihrem persönlichen Läufer rund um die Uhr zur Seite stehen, ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablesen, Getränke reichen, unentwegt für deren Wohl besorgt sind. Darunter auch mein bester Freund und Ehemann, ein eingespieltes Team, untergebracht im Zelt der " Dilledöppsche "mit Ilona, Elke und in diesem Jahr mit der spritzigen, immer gut gelaunten Elisabeth. Danke für deinen unermüdlich Ansporn !!

Es läuft, die Kilometer sammeln sich langsam - Schritt für Schritt an. Die Sonne und die drückende Schwüle quälen mich, nicht mein Wetter, viel zu warm, aber da musst du durch.

Es wird dunkel, und mit zunehmender Dunkelheit erreicht uns frische Abendluft - was für ein Glück auf der einen Seite, auf der anderen Seite quält mich eine unbändige Übelkeit, schon alleine der Gedanke an Essen und Trinken lässt mich erschaudern. Wie weitermachen - ohne Essen - ohne Trinken ? Ich schleppe mich schlürfenden Schrittes , mich selbst bedauernd weiter, bis gar nichts mehr geht, versuche Hand an zu legen, meinen Magen zu entleeren. Immer wieder stehe ich am Rand des Geschehens und hoffe auf Besserung. Nichts tut sich, es ist mir speiübel, und ich lege mich auf unsere Liege im Zelt, vielleicht hilft Ausruhen ?

Auch das Ausruhen hilft nicht, ich rafffe mich auf, drehe weiter meine Runden, jeder Kilometer zählt, bis ich nicht mehr kann und einen Arzt auf dem Gelände aufsuche. Er drückt überall an mir herum, meint, jetzt würde es wohl besser werden, nachdem ich auf der steinharten Liege längere Zeit verharrt habe. Nichts, aber auch gar nichts hat sich gebessert. " Ich halte durch bis zum Ende ", das habe ich mir fest vorgenommen, und nichts, nichts auf dieser Welt kann mich davon abhalten.

Die Nacht ist still, die Läufer auch, manche düsen im Eilschritt an mir vorbei, schnell, tief atmend, und weg sind sie schon wieder, ich quäle mich weiter, immer darauf hoffend, dass es besser werde.

6.30 Ein Arzt aus Mannheim - inspiziert mich - Homöopath - Koryphäe auf seinem Gebiet - ich liege auf dem Rücken, ich liege auf dem Bauch, er renkt mich so nebenbei auch mal ein, macht, tut," bald geht es dir besser ". Eine Runde, noch eine Runde, nichts tut sich, keine Besserung, er steht schon parat, um wieder Neues an mir auszuprobieren - und wieder keine Besserung.

Der Tag bricht an 3.00 morgens - schön ihn herannahend erleben zu können, wie oft erlebe ich das ?

Ich bin so leer, ausgetrocknet, fertig mit mir und der Welt. Es ist 9.00 Uhr. Es muss irgend etwas geschehen, um wieder zu Kräften zu kommen, horche in mich hinein, der Wunsch nach einem kühlen Joghurt wächst in mir, der mir sitzend liebevoll gereicht wird - und siehe da: er bekommt mir, und mit einem Schlag ist meine mich über Stunden hinweg quälende Übelkeit dahin, weg, fort - lieber Gott, ich danke dir !

So kann ich nach vielen Stunden endlich ohne Magenbeschwerden weiterlaufen, dennoch fällt es mir schwer, Flüssiges zu mir zu nehmen und tanke nur sehr langsam und zögernd nach.

Die Uhr näher sich dem Ende, was für ein Gefühl: 24 Stunden auf den Beinen, davon einige schwer gelitten, und trotzdem allem standgehalten. In der letzten Runde erhält jeder Läufer eine blau-weiße Fahne, die stolz und froh gelaunt getragen wird, bis das erlösende Signal des Endes ertönt:

Was für eine Stimmung - jeder könnte die Welkt umarmen !

Die Fahne wird genau dort zu Boden gelegt, wo ich meinen letzten Schritt tat, um dann von den Zählern zu meinen gelaufenen Kilometern hinzuaddiert zu werden.

 

Ein paar Meter entfernt treffe ich Heike, wir liegen uns glücklich in den Armen.

 

Zum Schluss habe ich 127,431 Kilometer geschafft, erster Platz in meiner Altersklasse, Platz 2 in der WS2.

Zu erwähnen bleibt noch die großartige Siegern Marika, die mit 216 Kilometern - klein,zierlich, mit winzigen Schritten laufend - auch nach einem schweren Sturz mit erheblichen Gesichtsverletzungen immer gut gelaunt bis zum bitteren Ende durchgehalten hat. Marika großartige Leistung. Herzlichen Glückwunsch !

Der Lohn fürs Durchhalten: ein sehr schöner Pokal und eine noch schönere Erinnerungsmedaille.

Ein phantastisches Erlebnis mit viel Freude, ein wenig Kummer, aber die Freude überwiegt

und nächstes Jahr wieder in Delmenhorst, ein lohnendes Ziel für 2009.

Und danach ?

Nach der Siegerehrung esse ich ein riesengroßes Wiener Schnitzel mit einem Berg voller Bratkartoffeln, es schmeckt, dazu ein kühles Bierchen, dann ab in die Koje,um 19.30 Uhr fallen die Augen endgültig zu, und ich schlafe bis morgens um 7.00 Uhr mit heißem, fiebrigen Körper selig ein.

Am nächsten Morgen fällt es ein wenig schwer, sich aus dem Bett zu schälen, doch nach einer Weile fühlt sich alles fast, aber auch nur fast, wie gewohnt an. Taschen packen, Verabschiedung, nach Hause fahren.

Die Nacht darauf war weniger schön, geplagt von ständigem Wachsein, irgendwelchen schmerzartigen Erscheinungen in den Beinen, Füßen, ein Hin- und Her-Wälzen, Hitze, Sich-Nicht-Gut-Fühlen, über allem aber schwebt die innere Zufriedenheit, die Gewissheit, dass morgen alles vorbei sein und nur das Gute in Erinnerung bleiben wird.

Es lohnt sich durchzuhalten !