19. Deutsche Meisterschaften der DUV im 24-Stunden-Lauf Scharnebeck am 16./17. Juni 2007
Mein Lauf-Bonbon in diesem Jahr: 24-Stunden DUV-Deutsche Meisterschaft in Scharnebeck. Lange hatte ich mich drauf vorbereitet körperlich und auch mental, längst hatte ich die Strapazen von der letzten, meiner ersten 24-Stunden-Tortur ins hinterste Gedächtnis-Stübchen verbannt, ist in diesem Falle nur von Vorteil, denn könnte ich mich noch genau an die körperlichen Beschwerden dieser langen Reise erinnern, so würde ich wohl kaum freiwillig wieder gestartet sein.
Wie dem auch sei, 8 Monate sind ins Land gegangen, die lange Strecke ließ mich nicht los, und die Entscheidung war gefallen: Ich werde am Start in Scharnebeck sein, Falk, mein bester Freund und Ehemann und selbst Läufer an meiner Seite, ohne ihn und seine aufopfernde Betreuung wäre dieses Abenteuer bestimmt nur halb so rund abgelaufen. Danke !
Freitags Abfahrt mit Sack und Pack, die Reise war nicht allzu lang, bis wir unser nettes Quartier unterm Dach juchhe beziehen konnten. Am Abend Nudelparty, Variationen von Nudeln liebevoll von den Scharnebeckern unter einem Car-Port serviert, die ersten Kontakte mit Gleichgesinnten. Später trafen noch Ilona und Elke ein, die neben uns ihr Nest einrichteten. Noch ein Gläschen Wein zur Begrüßung und ab in die Koje.
An Einschlafen war nicht zu denken, was ging mir nicht alles im Kopf herum: Wie wird es sein, wie halte ich die 24 Stunden durch, wie wird es mir ergehen ?
Morgens 8.00 Uhr ein fürstliches Frühstück mit Ilona und Elke, ein guter Anfang !
Wir ziehen gemeinsam in den Laufbereich, nur wenige Meter von unserem Quartier entfernt, überall Wohnmobile, kleine, große Zelte, es schwirrt vor Läufern, man wird unfreiwilliger Zuhörer von läuferischen Fachgesprächen. Gemeinsam bauen wir ein Zelt auf, das Ilona und Elke mitgebracht haben, ratz-fatz steht dieses wunderbare Zeit-Hotel, unser Domizil und Anlaufstelle für die nächsten 24 Stunden.
Meine Startnummer trägt die Zahl 71 - da bin ich immer ein wenig abergläubisch - , nicht so gerade der Renner, gutes oder schlechtes Omen ?
Zurück in der Herberge, ein kleines Nickerchen, Füße verbinden, gefährdete Stellen einsalben, rein in die Klamotten und ab zum Start. Dort ein herrliches Bild: Auf zwei Lastwagen-Hängern sitzen unzählige freiweillige Helfer, die im Schichtdienst unermüdlich unsere gelaufenen Runden zu Buche bringen
Das Wetter: Schwül, es hatte die ganze Nacht unaufhörlich gegossen, was es das Zeug hält, und die Prognose für den kommenden Tag kündigen keine große Änderung an.
14.00 Uhr Start, Burkhard, ein Forums-Bekannter begrüßt mich noch kurz vor dem Start, auch Heike und ich fielen uns in die Arme. 26 Läuferinnen und 104 Läufer machten sich unter dem Getose der Zuschauer auf den langen, langen Weg, ebenso starteten mit uns jede Menge Staffeln.
Die Runde angenehm, keine scharfen Kanten, fast ausschließlich Asphalt, 1,503,43 m lang, durch ein schönes, ruhiges Wohngebiet, deren Einwohner sich im Laufe der vielen Stunden als besonders freundlich erwiesen.
Noch lachte der Himmel, doch auch das sollte sich schnell ändern, als Blitz unnd Donner und natürlich ein Regenguss nach dem anderen das Laufen unangenehm erschwerten. Es goss, was es das Zeug hielt, und da ich keine Regenjacke an hatte und nicht unbedingt gleich am Anfang durchnässt sein wollte, stellte ich mich unter das Dach eines Car-Ports, wo plötzlich Falk vor mir stand mit meiner Regenjacke - toll - so einen Betreuer zu haben!!
So spulte ich locker und leicht meine Runden ab, gleich nach der Zählung befand sich die Versorgungsstelle, wo fleissige Helfer unermüdlich für unser Wohl sorgten, es gab alles, was das Herz begehrte: Wasser, Cola, Malzbier, Brühe, verschiedene Tee-Sorten, Kartoffeln mit Quark, beschmierte Weiß- oder Vollkornbrote, Bananen, Melonen, Äpfel, Kekse, Salzstangen.
Es ging mir gut - Bei Kilometer 80 machten sich langsam die Folgen der gelaufenen Kilometer bemerkbar. Immer wieder lugte ich in das Massage-Zelt, aber jetzt, jetzt war es so weit: auf die Pritsche (ging noch !), und eine herrliche Massage brachten mich wieder auf Vordermann. Es geht weiter, dann nach 100 Kilometern im Sack, ein Grund, mir eine Pause zu gönnen. Im Zelt ließ ich mich l a n g sa m auf einen Stuhl nieder, Füße vor, Ruhe, ausatmen, eine kleine Erholung.
Bis dahin alles in bester Ordnung, doch dann kam so langsam der Hammer-Mann. Es schmerzten die Beine, die Schultern und dann auch noch der Rücken, übel war es mir auch, ich konnte nichts mehr trinken, nichts mehr essen, alleine der Gedanke ans Essen ließ mich erschaudern. Weiter !! Heike bot mir eine Magentablette an, hat geholfen, aber meine Schritte werden schleppend und schleppender, und dann kamen die Momente, in denen ich mich (wie immer!! ) frage: warum ??? Falk begleitet mich ein paar Runden, wieder 1.503,43 m - Schritt für Schritt. Unterwegs immer wieder mal ein starker Regenguss.
21 Stunden gelaufen, 137,120 Kilometer gebucht - ich kann nicht mehr, weder laufen noch gehen, noch denken - gar nichts mehr, ich will mich ausruhen, rien ne va plus. Und das mache ich auch, ich beschließe das Ende für mich, alle Versuche, mich noch einmal aufzuraffen - vergeblich.
So sitze ich - eingepackt in eine warme Decke- im Zelt und schaue zu, wie die anderen wie in einem Film auch zunehmend schleppender an uns vorbeizogen. Der Magen hat sich beruhigt, ich habe wieder Hunger und esse ein Brötchen mit Frischkäse - und es schmeckt wieder !!
Nach 24 Stunden dann der Schluss-Schuss, an verschiedenen Stellen hatten sich Schützen des dortigen Vereines postiert und den wohl schönsten Knall für uns Läufer in die Luft geschossen. Tosender Beifall im Start- und Zielbereich, die Staffeln ziehen in der letzten Runde gemeinsam über die Piste, alle sind erlöst !
Mit ohrenbetäubendem Beifall wird die spätere Siegerin bei jeder Runde bedacht, sie läuft selbst in den letzten Runden locker und leicht an uns vorbei, ein Wahnsinn - und erreichte sagenhafte 209 Kilometer. Der Sieger bei den Männer, erst 25 Jahre jung und jünger aussehend, lief sagenhafte 239 Kilometer, der älteste Teilnehmer mit 85 ( !!!) lief wohl einen neuen Welt-Rekord von 103 Kilometern.
Dann endlich Dusche, duschen, duschen - und kein langer Lauf ohne Blasen, die sich zu meiner Freude erst jetzt bemerkbar machten, verarztet, frische Klamotten, noch ein Regenguss und dann zur Sieger-Ehrung, wo jetzt die Sonne lachte.
Erst die Damen, tobender Applaus für die Gesamt-Siegerin, und da sich in meiner Altersklasse keiner auf diese 24-Stunden eingelassen hatte, durfte ich mit einer schönen Medaille , einen Erinnerungs-Geschenk und einer Flasche Sekt zufrieden nach Hause ziehen.
Zurück gekehrt in unser Domizil, eine kleine Mahlzeit und ab ins Bett, wo wir von 18.00 Uhr bis 7.30 am nächsten Morgen schliefen, schliefen, schliefen und unsere verdiente Erholung fanden.
Eine tolle Veranstaltung mit sehr vielen freiwilligen, netten Helfern, ohne die ein solches Groß-Ereignis undenkbar wäre.
Meine Gedanken nach dem Lauf
Ehrlich gesagt, wenn ich meinen eigenen Bericht so lese und sozusagen als Zuschauer daneben stehe, kommt mir die Sache selbst auch utopisch vor, aber - wie gesagt- steckt man selbst drin und vor allem, hat man dieses Abenteuer hinter sich gebracht, dann sieht man es doch aus einem anderen Blickwinkel.
Es ist vollbracht, es tat auch weh, fragt man nach dem Sinn, dann gibt es keine Antwort, aber ist das nicht bei vielen Dingen im Leben so ? Du läufst Tag und Nacht im Kreis herum, immer über dieselbe Straße, vorbei an den selben Häusern, du kennst jede Straßen-Laterne, jeden Busch, jedes Auto, selbst über die Pferde-Äpfel auf meinem steinigen Weg schlürfe ich jetzt, die ich am Anfang weiträumig überlaufen habe, als ich noch locker und leicht zu Wege war.
In den ersten Stunden läufst Du noch mal hier und mal da in einer Gruppe mit, man unterhält sich über Gott und die Welt, doch die Lust nach Kommunizieren vergeht mit der Zeit, die Kraft lässt nach, die Knochen und Sehnen melden sich, der Gang wird schleppend und schwer.
Der schönste Moment jedoch nach jeder Runde die Freude an den zahlreichen Helfern auf den zu Zähl-Plätzen umfunktionierten Last-Wägen, die Dich unermüdlich klatschend empfangen, jetzt der Tribünen-Schritt, du versuchst so locker wie möglich, lächelnd, freundlich an ihnen vorbei zu laufen. Ein Handzeichen für meine Zählerin, sie hebt ihre zum Zeichen, dass sie mich realisiert und meine erneute Runde aufgenommen hat. Nicht auszudenken, dass ich eventuell eine umsonst gelaufen wäre (im übrigen gab es diesbezüglich wohl doch mehrere Reklamationen !).
Die Nacht bricht an, wir laufen in jeder Runde an einer großen Halle vorbei, dort stehen hunderte von Autos, eine türkische Hochzeit, vermute ich, laute türkische Musik holt mich jedesmal aus meiner Lethargie heraus. Aber auch sie gehen irgendwann schlafen, und es wird ruhig.
Schön ist es, nachts zu laufen, die Luft ist klar, der Regen hat sich gottlob verzogen, keine r spricht, du überholst gehende, sich erholende Läufer, schnelle Staffelläufer wiederum ziehen an dir vorbei - Zähler, Handzeichen, Versorgungsstelle - essen - trinken, weiter, unser Domizil, dort sitzt Falk und Elke und helfen dir, wo immer sie können. Schön, Betreuer um sich zu wissen. So manche sieht man eingenickt auf ihrem Stuhl.
In den an der Strecke stehenden Wohnwägen und Zelten ist auch Ruhe eingekehrt, manche sitzen kauernd in eine Decke gehüllt davor, andere verschwinden darin, Ruhe, schlürfende, laute, leise Schritte, keuchende Dampf-Maschinen (Staffel-Läufer) ziehen gottlob schnell an mir vorbei.
Auch die Musik im Ziel- und Start-Bereich ist stellenweise noch aufmunternd, fetziger Pop, Rock, am liebsten würde ich mit swingen, aber das lasse ich aus ökonomischen Gründen mal lieber, sparsam umgehen mit deinen Kräften, wo immer es geht.
Es wird langsam hell, ein wunderschönes Spektakel, tausende von Vögeln um dich herum begrüßen den Tag, so ganz taufrisch sieht keiner mehr aus, auch die Gesichter der Betreuer hinterlassen nicht übersehbare Spuren.
Auch die Anwohner blicken hier und da mal freundlich aus ihren Häusern, was mögen sie wohl über uns denken ?
Die spätere Siegern spult ihre Runden in einer unglaublichen Gleichmäßigkeit ab, noch zum Schluss läuft sie locker und leicht im Ziel ein, keine Schwäche zu erkennen - und 209 Kilometer in den Knochen !! Wie macht sie das ?
Alles in allem ein Erlebnis, das ich niemals vergessen werde, die Schmerzen ziehen dahin, die Freude über das Erreichte bleibt - und das Schönste: Ein Abenteuer mit Gleichgesinnten, Freundschaft, Zusammengehörigkeit, Verständnis, Freude, Hilfbereitschaft, Trost, schlichtweg Menschliches, das hier nicht auf der Strecke bleibt.
Und die Frage nach dem Sinn ?
Sich in der heutigen Zeit, in der uns alles in den Schoß geworfen wird, nicht gleich jedem Schmerz hinzugeben, kämpfen zu lernen, sich selbst zu besiegen, nicht aufzugeben. Eine Erfahrung, die ich bereits nach meinem ersten 100-Kilometer-Lauf für mich machte, die mir das Leben insgesamt erleichtert und mir Freude macht.



