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Schmerzen





Schmerzen lehren denken…………… ein weiser Spruch, den ich vor langer Zeit irgendwo einmal gelesen habe, der mir aber immer wieder in den Sinn kommt, wenn ich mich auf den Weg für lange, lange Distanzen machte.

Angeregt durch das Buch ” Ultra Marathon Man ” von Dean Karnazes, der sich freiwillig unmenschlichen Strapazen und unvorstellbaren Schmerzen aussetzte, um seine hoch gesteckten Ziele zu erreichen, kam ich ins Grübeln.

Was hast du erlebt, wie oft hast du dich unter Schmerzen gequält, hast dir gut zugeredet, hast deinen Willen mobilisiert, durchgehalten, wie war das, hat es sich gelohnt ?

Bewährungsprobe Nr. 1

- mein erster 100-Kilometer-Lauf in Biel.

Euphorie am Start, mitgerissen von tausend anderen , die auch bereit waren, sich zu quälen (oder nicht wussten, worauf sie sich einließen, so wie ich), Abenteuer, Krieg - für mich alles auf einmal.
Nur - keiner hatte es mir gesagt.

Was wird auf dich zukommen, wie wird es sein, was erwartet dich ?
Doch schon bald erhielt ich Antwort auf alle meine Fragen :
Stock düstere Nacht, wie ich sie nie zuvor erlebt hatte, nicht einmal die Hand vor den Augen zu erkennen, Regen in Massen über 100 Kilometer, bergauf, bergab, Schlamm, wohin das Auge sah, die Strecke nur mit klitzekleinen Lämpchen ” ausgeleuchtet “.
Dann kam, was kommen musste - Kampf gegen sich selbst - Schmerzen, Blasen, aufgeweichte Füße, Nässe, Schwindel, irren durch die Stock dunkle Nacht.

Und immer wieder an der Strecke - an irgendeiner Ecke kaum erkennbar - tauchte der Besen-Wagen auf, der dich zum endgültigen Ausruhen einlud. Dort saßen in Decken verhüllt frierende Läufer mit traurigen Gesichtern, die - aus welchen Gründen auch immer - das Rennen aufgaben.
Nee, da rein gehst du nicht, du wirst ankommen, du willst diesen Lauf zu bestehen, du wirst durchhalten bis zum bitteren Ende !
Warum mache ich das, ich bin verrückt ?
Nie wieder!

Halte durch, im Ziel wartet eine warme Dusche auf dich, alles wird vorüber sein, du kannst dich ausruhen, so lange du möchtest.
Ich bin stark, ich kann, ich will.
So und ähnlich erging es mir bei vielen Ultras, und jedes Mal sollte es hundertprozentig mein letzter gewesen sein.
Doch das unbeschreibliche Glücksgefühl, die Tränen in den Augen beim Einlauf in das heiß ersehnte Ziel machen alles wett, die Strapazen sind im Nu vergessen.

* Es ist vollbracht,

* du kannst, wenn du willst

* du kämpfst

* du siegst

* es macht dich stark !

 

Mit den Schmerzen während des Laufes ist es ja längst nicht getan. Betäubt von der Freude des gerade überstandenen Laufes spürst Du zunächst wenig, dann bleibst du stehen, nimmst deine Umwelt wahr, ein leichter Schwindel, du hälst dich fest an dem, was sich dir gerade anbietet.

Da stehst du nun abgekämpft, verschwitzt, verdreckt, aber glücklich.

Familie, Freunde möchten dich sofort in die Arme nehmen, aber das bitte nicht: mein ganzer Körper schmerzt, vom kleinsten Zeh bis zur letzten Haarspitze, ein Phänomen, das ich jedes Mal nach einer solchen Tortur erlebe, jetzt bitte nicht anfassen !!

Alles tut weh, die Füße sowieso, die Beine, der Rücken, die Arme, die Schultern - alles. Jetzt erst einmal setzen, aber wie ? Festhalten und langsam herunter lassen, Beine ausstrecken - ausruhen. Und dann kommt die Lust auf einen Kaffee, den ich dann meist auch erhalte, er belebt, erweckt die müden Geister.

In der Umkleide die nächsten Probleme:

Ausziehen, aber wie ?

Alles ist nass, ich bin steif wie ein Brett, kriege die Beine nicht hoch, komme kaum an meine verdreckten Socken, drehe und wende mich, um die günstigste Lage zu erwischen, immer wieder verkrampft sich irgendwo irgendwas, meist im Fuß, ich arbeite dagegen. Sitzend und im Zeitlupentempo streife ich Stück für Stück von meinem verschammerierten Körper. Um mich herum viele andere, die die gleichen oder noch mehr Probleme haben.

Es dauert lange, bis ich nun endlich da sitze, wie Gott mich schuf, die Schlappen unter die stark geschädigten Füße vorsichtig schiebe, weiß wie Schnee, aufgeweicht - hässlich - Blasen mit und ohne Blut offenbaren sie sich mir.

Jetzt heißt es Aufstehen, ich schlurfe zu den Duschen, empfangen von heißem Dampf, suche ich mir ein Plätzchen und lasse das warme Wasser über meinen geschundenen Körper laufen, was für ein Gefühl !! Selbst das Haare- Waschen fällt mir schwer, ich genieße die Wärme und fühle, wie langsam meine Sinne wiederkehren.

Frische Klamotten - wie schwer es sein kann, sich anzuziehen.

Um mich herum überall Lauf-Leichen, die einen sitzen noch blass und vor sich hinstarrend auf der Bank, kommen langsam zu sich, schieben sich wie ich in die Dusche, andere jammern vor sich hin, jeder ist mit sich selbst beschäftigt.

Der Morgen nach meinem ersten 100-Kilometer-Lauf.

Nach einer Nacht - sehr schlecht geschlafen, mein Körper ist fiebrig, ich komme nicht zur Ruhe - da folgt das nächste Problem:

Das Aufstehen.

Einfach das Bein wie gewohnt aus dem Bett heraus - geht nicht. Ich drehe mich auf den Bauch, ziehe das linke Bein an , um auf die Knie zu gelangen, das rechte hinterher, nun knie ich wie ein Hund in meinem Bett. Was nun ? Langsam schiebe ich das linke Bein in Richtung Boden, drehe mich behutsam und ziehe das recht nach, halte mich am Fensterbrett erst mit einer Hand, die nächste folgt zur Unterstützung, jetzt stehe ich, es tut mir alles, einfach alles weh.

Ich rutsche in Richtung Treppe, 15 Stufen erwarten mich, wie soll ich da runter kommen ? Vorwärts ? Fehlanzeige, rückwärts gelingt es mir, wie ein Kleinkind gemach nach unten zu kommen.

Nie wieder mache ich so etwas, nie, nie, nie !!

Denkst’de - im Jahr darauf stehe ich frohen Mutes erneut auf der Piste, das Abenteuer hat mich wieder.

- Glaube nie einem Läufer, wenn er NIE sagt.

Der Vorteil und ein kleiner Trost für alle, die sich auch mal daran wagen möchten:

mit der Anzahl der gelaufenen Ultras gewöhnt sich der Körper sogar an die Strapazen und reagiert nach und nach entsprechend weniger.

Aber ich will es ja nicht anders.

Fred Rohé (Zen des Laufens)

* Mit jedem Lauf erschaffst du das Erleben eigener Erfahrung.
* Oft sprechen Läufer vom Schmerz,
* und ist es das, was du suchst,
* bekommst du soviel du willst,
* indem du dich grenzenlos antreibst,
* wann immer du läufst.

* Es liegt ganz bei dir,
* ob du läufst, um dich selbst zu bestrafen
* oder dich selbst zu erfahren.
* Wählst du mit mir das Letztere,
* wird jeder Lauf Freude machen;
* das Schlüsselwort heißt:
* Nimm es leicht !
* Mache einen Läufer aus dir,
* schrittweise, geduldig, entspannt.